Neue Barbarei im Land der Hagar

12.12. 2011. Budapest

Einer  mittelalterlichen Quelle zufolge bezeichneten die europäischen Juden Ungarn als das »Land der Hagar« – dies nicht nur aufgrund der klanglichen Ähnlichkeit des Neuhebräischen Namens mit dem damaligen Namen »Hungaria«. Hagar, so ist es aus dem Buch der Gerechten bekannt, war die Mutter von Abrahams erstem Kind, die von der eifersüchtigen Sarah vertrieben wurde. Dieser biblische Verfolgungszustand steht symbolisch für die Situation der Juden Mitteleuropas, die seit Jahrhunderten mit ständigen Identitätswechseln leben müssen.

Als ein Teil der neuen Barbarei in Ungarn kann auch die Judenfeindlichkeit gelten, wenn diese sich auch in verschiedenen historischen Epochen in jeweils anderer Form und mit jeweils anderem politischen Unterton artikulierte. Im  öffentlichen Leben – und bedauerlicherweise auch in der Alltagssprache – des heutigen Ungarn sind mittlerweile in immer stärkerem Maße Versatzstücke religiösen der Judeophobie, im Sinne des christlichen Antijudaismus, glechzeitig jedoch der rassistische und der sich in internationalistischen Schlagwörtern äußernde moderne politische Antisemitismus präsent und haben zu einer endgültigen Aufhebung der humanistischen (Übersetzungsfehler=) Werte geführt. Dieser »postmoderne« Antisemitismus ist unwiderruflich ein Teil unseres politischen Lebens geworden. Die Konzentration des Hasses hat zur gesellschaftlichen Etablierung einer Eliten-, Intelligenz-, Generationen- und Politikfeindlichkeit mit sich gebracht, die nun einen „nationalen Kampf“ gegen die Lügenstrukturen der Regierung und deren Vertreter führt.

Die Basis der hiesigen extremen Rechten ist eine »Erlebnisgemeinschaft«, deren Zusammenhalt sich in einer tiefen Enttäuschung von den Transformationsprozessen seit 1989 und der Aussichtslosigkeit, aus dieser gesellschaftlichen Situation ausbrechen zu können gründet. Sie wird zusammengehalten von einer scheinheiligen Heuchelei, welche sie gegenüber allen anderen ungarischer und tugendsamer erscheinen lässt. Diese »Erlebnisgemeinschaft« hat kein Interesse an den traditionellen Idealen der europäischen Aufklärung und sorgt sich nicht um die Verfassungsänderung, ebenso wenig wie um die Zerschlagung des demokratischen Staates. Sie suchen nach den alltäglichen juristischen Hintertürchen, fomulieren laut und  inhaltsleer ihre  Meinungen, sind selbstbewusst und  unbedarft, verbitterte Ankläger. Sie artikulieren sich in den hegemonialen Medien, in beängstigenden Demonstrationen, bei heidnischen Festivals zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls und in der verbreiteten nationalistischen Kitsch-Kultur.

»Heute herrscht dieses Lausepack als drittgrößte politische Partei, die den braven Ungarn das Horden-Dasein, die Ausrottung der Zigeuner und das Ausrauben der Juden verspricht – die Persönlichkeit ihrer Führer ist die sichere Garantie dafür, dass sie ihr Versprechen halten werden«, so schrieb der Nobelpreisträger Imre Kertész im Frühling 2001 in seinem Tagebuch. Diese Beschreibung hat auch heute noch Gültigkeit. Derzeitigen politischen Analysen zufolge wird die Partei, die ihren WählerInnen »radikale Veränderungen im Namen des Volkes«  bei den Wahlen 2014 eine führende Rolle in der Regierung spielen. [Es ist vorauszusehen, daß sich die politische Rolle der »Jobbik« dann verstärken wird.] Der Verlust der Popularität der gegenwärtigen Regierung, die Entstehung einer neuen Partei infolge der Spaltung der Linken und ein Anwachsen des Lagers der verunsicherten Wähler auf mehrere Millionen werden voraussichtlich weiterhin zu einer Zunahme der politischen Rolle der Jobbik führen. Auch SchülerInnen und ein Großteil der StudentInnen unterstützen die nationalen Radikalen. Sie unterstützen vor allem den Geschichtsrevisionismus und nationalistisches Großmachtstreben. So ist es bspw. unter ihnen gang und gäbe, zu »trianonisieren«[1], sich also auf  ein »Großungarn« von vor den Versailler Friedenverträgen zu beziehen, Kleidung mit dem auffälligen Irredenta-Symbolen[2] zu tragen und Bands zu hören, die nationalistischen „National-Rock“ spielen.

Die parlamentarische Linke wurde zum Opfer und gegen ihren Willen zugleich auch zur Unterstützerin der neuen Barbarei. Das Selbstverständnis der populistischen Fidesz, die sich jahrelang als Verfechter eines »rechten Jakobinismus« aufspielten hat zur völligen Zerrüttung und inhaltlichen Entleerung der demokratischen Kultur und der Möglichkeit der Teilhabe beigetragen. Dieses Phänomen wäre bei Vorhandensein einer starken Linken so nicht aufgetreten. Ausser den »nationalen radikalen Revolutionären  finden sich kaum »antifaschistische Partisanen«. Die antifaschistische Linke hat tatsächlich noch keine Erklärung für das Auftauchen der extremen Rechten und auch für sich noch keine eigene Strategie gefunden, wohingegen sich Bürger der Nach-Wende-Generation immer öfter für die radikale rechte Alternative entscheiden. So gab es laut Pressespiegel allein im Zeitraum Mai bis August 2011 mehrere hundert rassistische Zwischenfälle und verzeichnete rechtsextreme Aktivitäten. Dem gegenüber blieb die Zahl der antifaschistischen Aktionen und Demonstrationen verschwindend gering.

Unter den zahlreichen historischen Verfehlungen der ungarischen Linken nimmt die Entleerung des  Begriffs des Antifaschismus eine herausragende Stelle ein –eine Kultivierung desselben wurde vernachlässigt und gleichzeitig wurde durch die inflationäre Verwendung der „faschistischen Gefahr“ dieser entleert. Die zivilgesellschaftliche antifaschistischen Interventionen gehernwerden eher  Personen des linken öffentlichen Lebens als  von organisierten, politische Organisationen. Die kleine Vereinigung der »hauptberuflichen« AntifaschistInnen, die schon während des zweiten Weltkrieges aktiv waren, ist schon allein aufgrund ihres Lebensalters nicht zu bedeutsamem, nachhaltigem Auftreten in der Lage.

Das Einfahren des »Warschauer Express«   auf die Gleise der ungarischen Linken jedoch zerstört auch die bestehenden zivilgesellschaftlichen antifaschistischen Vereinigungen, weil eigennützigen politischen Interessen gewahrt bleiben sollen. In Wirklichkeit siegt die auf die gesellschaftliche Unzufriedenheit der Postfaschisten reagierende Hasspolitik, weil sie keinen Widerstand findet, wohingegen der ungarische Antifaschismus  an den verlorenen Schlachten scheiterte.

Der konservative Antifaschismus verliert sich im geschichtlichen Nebel (Gyula Szekfü, Istvan Barankovics) und ist aus der ungarischen Öffentlichkeit verschwunden. Der kommunistische Antifaschismus dagegen verblieb im Dunstkreis der nur noch eine unerhebliche Rolle spielenden kommunistischen Parteien. Die Politik des nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen europäischen antifaschistischen existiert in Ungarn praktisch nicht.

 

Der sich im »Land der Hagar« unter immer besser organisierte ungarische Neofaschismus kann nicht als Ausdruck einer abgesonderten Subkultur angesehen werden. Eines seiner entscheidenden Merkmale ist, dass er auf vielfältige Art und Weise mit der ungarischen konservativen Rechteverbunden ist, dessen taktische Unterstützung er genießt und deren langfristiges gemeinsames Ziel eine strategischen Partnerschaft ist. Die Absicht der radikalen ungarischen rechten »Jobbik« (Neonazis, Neo-Pfeilkreuzler), ins Parlament zu gelangen, ist vom ersten Augenblick an nicht  damit verbunden, dort zu bleiben, sondern auch das spätere koalitionäre Zusammenspiel mit den konservativ-christlichen Kräften vorzubereiten, die  Fortsetzung ihres latenten Radikalismus weiterhin zu verbergen versuchend.

Ein gutes Beispiel dafür ist einer ihrer ersten koordinierten Auftritte, eine unter der Bezeichnung »Brückenbesetzung« bekannt gewordene Aktion im Sommer 2002.

Die Organisatoren (György Budaházy und seine Kompagnons) stellten das Endergebnis der Parlamentswahlen in Frage und forderten die Neuauszählung der abgegebenen Stimmen. Unter einer normal funktionierenden Demokratie hätte ihre Aktion mit einem ca. 15-minütigen Polizeiauftritt aufgelöst werden können, jedoch wagte dies die politisch labile und unvorbereitete sozialliberale Regierung in den Wochen nach den   Wahlen (sowie auch später) nicht und überließ der unausgebildeten polizeilichen Führung die Lösung.

Die Rechtsextremen erzeugten, während sie sich vor der ungarischen wie der internationalen Öffentlichkeit einen eigenen Bekanntheitsgrad verschafften, durch die komplette Lahmlegung der Verkehrs der Elisabethbrücke eine „revolutionäre“ Atmosphäre, zogen die rechtliche Sauberkeit des Scheiterns der rechten Regierung in Zweifel und untermauerten ein für alle Mal die seit Jahren angewandte Strategie der aus der Opposition heraus hetzenden Rechten. Was beweist die gemeinsamen Interessen der nationalen Radikalen und der damals gescheiterten (heute regierenden) Kräfte besser als die Tatsache, dass für die Abwickelung der Wahlen und für deren Korrektheit die abgewählten Kräfte verantwortlich waren, von deren Seite jedoch niemals eine derartig durchschlagende Botschaft erklang, dass nämlich die Infragestellung der Wahlergebnisse mit der Niederschlagung der demokratischen Werte gleichzusetzen sei.

Von diesem Zeitraum an stellte die konservativ-christliche Rechte ihr komplettes Arsenal der Politisierung der Straße in Schlachtordnung auf, was bereits im Oktober 2006, nach der erneuten Wahlniederlage, zum Aufruf zu den gefährlichsten innerstädtischen Massenveranstaltungen führte. Ja, auch hier lässt sich die gemeinsame Methodik der ungarischen Rechtsextremen und der aus dem Radikalismus unentwegt Vorteile ziehenden rechtskonservativen Kräfte auf frischer Tat ertappen.

Während für die quasi ungezügelten Randalierungen des ungarischen Neofaschismus die unfähige liberale und sozialistische Regierung die Hauptverantwortung trägt, lässt sich auch feststellen, dass die christlich-konservative Rechte bei der illusorischen Jagd nach den rechten radikalen Stimmen in der Opposition und im Kabinett gleichermaßen in tagtäglicher Verbindung mit den unterschiedlichsten nationalen radikalen Divisionen steht.

 

Die zukünftige Frage lautet: Gibt es Grenzen der verdeckten Kollaboration zwischen  den Neopfeilkreuzlern und den auf ihre Salonfähigkeit so bedachten rechten konservativen Kräften? Ja, es gibt sie! Sie offenbaren sich vor allen Dingen in der Geduldfähigkeit der vernünftig denkenden konservativen Rechten und in der Öffentlichkeit. Ein Beispiel hierfür ist die Ausschreibung für die Besetzung des Direktorenstuhls des Budapester Neuen Theaters, für den der von der rechten Regierung an die Spitze der ungarischen Hauptstadt bestellte Oberbürgermeister, entgegen der Empfehlung des Fachgremiums, ein Duo von offen hetzenden, allgemein bekannten radikalen Anführern ernannte. Mit den Worten eines Theaterkritikers gesprochen: „Dies ist ein Nazi-Theater“. Neun Budapester Theaterdirektoren protestierten in einem offenen Brief gegen die Entscheidung. Unter den Unterzeichnern sind auch Persönlichkeiten, die sich zu konservativen Idealen bekennen. Es ist also offensichtlich, dass auch rechts denkende Menschen nicht alles von ihren auf die Gewinnung von Wählerstimmen für die politische Macht spekulierenden Parteisoldaten akzeptieren. Außerdem standen diese Menschen in der verängstigten Atmosphäre der ungarischen Gesellschaft sogar in der Öffentlichkeit mutig für ihre Meinung ein. Man muss wissen, dass öffentliche Auftritte heute in Ungarn mit schwerwiegenden beruflichen und existenziellen Risiken verbunden sind. Eine dies bestätigende Erfahrung ist, dass man für die zivilen antifaschistischen Veranstaltungen kaum öffentliche Personen als Sprecher gewinnen kann.

Die grundlegende Frage bei der Definition des Erscheinungsbildes des heutigen ungarischen Neofaschismus ist die Haltung der derzeit regierenden christlich-konservativen Kräfte. Falls die Strategie der vergangenen 8-10 Jahre beibehalten wird, dann kann Europa Zeuge werden eines neuerlichen faschistisch-konservativen Bundes, mit dem die EU bereits dummstolz und engstirnig zu leben gelernt hat. Wenn die ungarische Rechte sich auf ihr Gewissen besinnt und den Kurs ändert, dann besteht die Möglichkeit zur Schaffung eines zeitgemäßen Nationalstaates mit an die Gesamtheit der Gesellschaft gerichteten ehrlichen Botschaften. Leider ist die historische Chance dafür gering.

Bis dahin bleibt die „gestrige Nachricht: In Hódmezövásárhely zerreißt die Schülerschaft demonstrativ die staatlicherseits geschenkte Ausgabe des „Roman eines Schicksalslosen“ und zerstreut sie auf der Straße.“ (30. Dezember 2002, Imre Kertész: Rettung auf andere Art).



[1] Vertag von Trianon, Versaille,s Gebietsverluste nach Zerfall der Habsburgermonarchie

[2] Irredentismus ist die Bezeichnung einer Ideologie, die auf die Zusammenführung möglichst aller Vertreter einer bestimmten Ethnie in einem Staat mit festen Territorialgrenzen hinzielt, durch Annexion oder Anschluss.

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